Man singt Englisch – Zu Besuch in Wien

In der Fremde beim First Vienna FC
In der Fremde beim First Vienna FC

„Ein Österreicher ist der misslungene Versuch, aus einem Italiener einen Deutschen zu machen.“ Das hat mit dem jetzt folgenden Text fast gar nichts zu tun, aber ich wollte euch diesen Gag nicht ersparen. Den könnt ihr jetzt wahlweise euren österreichischen und/oder italienischen Freunden erzählen. Oder euch wahlweise auch darüber wundern, was man so zu lesen bekommt, wenn man „Zitate Österreich“ googled.

Aber worum geht es jetzt überhaupt? Wenn die sportliche Lage Zuhause mal düster zu werden droht, lohnt sich ab und zu auch mal ein Blick über den vielzitierten Tellerrand. Manche fahren unserer U23 hinterher, andere gehen ab und zu heimlich in ein Bundesligastadion und wieder andere quetschen ein bisschen Fußball in einen Urlaub in Wien.

Urlaub = Fußball

Ich gehöre zur letzten Spezies. Eingebettet in einen längeren Urlaub bei unseren südlichen Nachbarn ergab sich eine Gelegenheit zum Fußball schauen. Die erste und zweite Liga fielen flach, da auch die armen Österreicher unter der Länderspielpause zu leiden hatten. Aber die unteren Ligen haben ja ihren Reiz, wie wir hier in Münster zu gut wissen. Schließlich verschlug es mich zum First Vienna FC, dem ältesten Fußballverein des Landes.

Warum gerade die Blau-Gelben aus der vierten österreichischen Liga? Zwei Dinge waren ausschlaggebend. Da war zum einen der Termin am Freitagabend. Fußball unter Flutlicht hat einfach etwas Besonderes. Der Rasen ist grüner, die Bälle glänzen und selbst ein Graupenkick sieht plötzlich irgendwie spannender aus. Es sei denn, es ist ein Montagabend. Aber das ist ein anderes Thema.

Hohe Warte und Carsten Jancker

Zweitens ist das Stadion Hohe Warte ein echter Augenschmaus. Es trägt den Namenszusatz „Naturstadion“. Und das völlig zurecht. Der Platz liegt in einer natürlichen Senke und die umgebenden Ränge sind vor allem grün. Dazu kommt eine Hauptribüne mit blauen und gelben Sitzschalen und einem überdachten Stehblock. Besagte Tribüne war mit etwas über 800 Zuschauern an diesem Abend recht ordentlich gefüllt.

Zum Spiel selbst will ich gar nicht so viel sagen. Das Niveau der Partie bewegte sich irgendwo zwischen Ober- und Westfalenliga und es gab einen insgesamt souveränen 3:0-Heimsieg gegen den Post SV zu sehen. Ein bulliger Stürmer (Typ: Carsten Jancker mit Bart) blieb bei First Vienna in Erinnerung. Tore schoss er keine, versiebte aber zwei Hochkaräter. Man kennt das.

Englisch statt Schmäh

Auf den Rängen fand ich eine spannende Fanszene vor. Zunächst mal scheint es eine engagierte „Sektion Mischkonsum“ zu geben: Von Minute eins an waberte eine süßliche Wolke über den Block. Allerdings scheint der Konsum dieser Kräuter in unserem Nachbarland semilegal zu sein. Entlang der Mariahilfer Straße (sowas wie die Ludgeristraße Wiens. Nur länger, breiter, architektonisch spannender und mit U-Bahn. Sonst aber gleich ;-) ) sah ich zwei Läden, die das Wort Hanf im Namen trugen und noch dazu aus umgerüsteten Zigarettenautomaten verschiedene „Kräutermischungen“ verkauften. Schön für die Ösis!

Doch zurück zu den Fans: Viel Fahnenschwenkerei war im Block nicht zu bemerken. Lediglich eine blau-gelbe Fahne mit der Aufschrift „Wanderers“ und einem gemalten „Punk-Iro-Totenkopf-Männchen“ wurde hin und wieder an die Luft gelassen. Englisch bis Klasse 10 sollte man für die Gesänge der Vienna-Supporter aber schon gehabt haben. Denn statt Wiener Schmäh wurde vor allem auf Englisch gesungen.

Beatles und Boogie

Gegen Ende – das 3:0 war bereits gefallen – wurden sogar die Beatles mit ihrer „Yellow Submarine“ an die Oberfläche geholt. Keine Ahnung, ob Englisch in österreichischen Fankreisen die Sprache schlechthin ist, aber witzig war’s irgendwie. Die Leidenschaft für englischsprachige Musik teilt übrigens auch der Club selbst. Die Tormusik ist – kein Scherz – „Yes Sir, i can boogie“ von der 1970er-Mädels-Truppe Baccara. Ich verlinke den Song hier bewusst nicht, weil ich den Ohrwurm zwei Tage lang nicht losgeworden bin.

Klingt bis jetzt vor allem nach einer Spaßveranstaltung. Sprachbegabte, leicht bekiffte Fans die auf einem Freitagabend ein bisschen Fußball gucken und dabei gesanglich in Onkel Werners Plattensammlung von früher stöbern. Aber unter der Tribüne zeigt sich dann, dass sich diese Fans über sich und ihren Club ein paar Gedanken mehr machen. An einem Biertisch erstand ich dort zwei Fanzines und ein paar Aufkleber. So weit, so klassisch.

Schreien UND schreiben

Aber die Inhalte der Fanzines waren echte Hausnummern. Im schon leicht veralteten „Gardener“ von 2018 ging es nicht nur um klassische Fanthemen wie ein Gruppenjubiläum, sondern auch um einen Club-Torhüter aus der Vorkriegszeit. Hinzu kam ein Artikel über einen Gemeinschaftsgarten, den Fans gemeinsam nahe des Stadions einrichten wollten. Das alles in einem edel aussehenden Hochglanz-Heftchen und spannend geschrieben. Von Fanzine-Schreiber zu Fanzine-Schreiber: „Daumen hoch!“

Den zweiten Daumen gab es dann für das zweite, aktuellere Heftchen. Hier wurde sich detailliert, sprachlich gewandt und mit absolut klarer Haltung mit der Entwicklung des First Vienna FC zur Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Ursprünglich spielten bei der Gründung des Vereins Wiener Juden wichtige Rollen auf und neben dem Platz. Auch später waren viele Juden rund um den Club involviert. Eine Tradition, die 1938 mit der Annektierung Österreichs durch das Deutsche Reich ein jähes Ende fand. Doch First Vienna gab es weiterhin und die neue Führung passte sich an.

Beeindruckende Arbeit

Anders als in Deutschland ist die umfassende Aufarbeitung der Nazizeit in Österreich noch ein relativ neues Phänomen. Vereinfacht gesagt galten in Österreich lange die Aussagen: „Die deutschen Nazis kamen zu uns! Und nach dem Krieg waren sie alle wieder weg!“ Dass sich Fans in ihrer Freizeit mit diesem schwierigen Kapitel des eigenen Vereins auseinandersetzen, ist bemerkenswert. Noch dazu in diesem großen Umfang über gut 20 Seiten. Sogar ein Interview mit dem Zeitzeugen und ehemaligen österreichischen Nationalspieler Hans Menasse hat den Weg in das Heft gefunden.

Sicherlich keine leicht bekömmlich Lesekost für den Urlaub, aber für den Aufwand und die Aufklärung gebührt den Schreibenden aus meiner Sicht Dank und Anerkennung. Weiter oben hatte ich etwas von einer klaren Haltung geschrieben. Die beweisen der First Vienna FC und seine Fans bis heute: Entlang der Rückwand der Tribüne ist in blauer und gelber Farbe der Slogan „Kein Platz für Diskriminierung“ aufgemalt.

Das ist mal ein Hot Dog!

Puh, jetzt kommt wieder ein thematischer Sprung. Denn ein wichtiges Thema für einen Stadionbesuch kam bislang nicht vor: Die Verpflegung. Getränketechnisch war nichts besonderes festzustellen: Bier, Radler, Cola und Co standen auf der Karte. Doch an der Futterkrippe erlebte ich eine Überraschung. Vier oder fünf verschiedene „Würstel“ (Ich weiß es nicht mehr genau. Das Bier gab’s zuerst ;-) ) standen zur Auswahl. Wo man in vielen deutschen Stadien mit der Auswahl zwischen Brat- und Currywurst im wahrsten Sinne des Wortes abgespeist wird, konnte ich hier zwischen Bratwurst, Debreziner, Käsekrainer und anderen Köstlichkeiten wählen. Auch ein Burger war wohl im Angebot.

Die Entscheidung fiel auf die klassische Bratwurst. Kostenpunkt in der Hot-Dog-Variante: 3,80 €. Wer jetzt an diese kleinen Milchbrötchen-Dinger aus dem schwedischen Möbelhaus denkt, ist auf dem selbst zusammengeschraubten Holzweg unterwegs. Das „Brötchen“ hatte Baguette-Ausmaße und die Bratwurst hätten sich auch drei Kinder teilen können und immer noch wären alle satt geworden. Und anders als beim klassischen Hotdog muss man weniger Angst vor Flecken und Schmiereien haben. In das Baguette wird von oben ein Loch gestochen und der Senf und/oder der Ketchup samt Wurst hineingeschoben. Schmiert nicht und schmeckt hervorragend!

Während im Stadion die U23 des First Vienna FC direkt im Anschluss an das Spiel der Ersten Mannschaft antrat, ging es zurück Richtung Hostel. Im Gepäck die Erkenntnis: So ein Blick über den Tellerrand kann sich lohnen!

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